Stimmen der Neuzeit zu Solons "Demokratie"

Arbeitsauftrag

1. Eduard Meyer (1893):

Solon ist der griechische Staatsmann, dessen Persönlichkeit in der Geschichte weiterlebt. ... Er ist eine der idealsten
Gestalten, welche die Geschichte kennt, und zugleich die typische Verkörperung des Griechentums seiner Epoche. ... Er war kein Demokrat und weit entfernt von dem Glauben, als sei jeder Bürger, ob bemittelt und sozial unabhängig oder nicht, gleich berufen und berechtigt zur Teilnahme am Regiment. Der Demos sollte emanzipiert werden, sozial und politisch, aber keineswegs die Herrschaft führen. Daraus ergab sich von selbst, da die Privilegien der Geburt aufgehoben waren, eine Abstufung der politischen Rechte nach dem Vermögen, eine timokratische Gliederung der Bevölkerung. ... Die Gliederung des Volkes in Phylen ... blieb unangetastet und dadurch den Blutsverbänden und den großen Geschlechtern ein maßgebender Einfluß auf die Wahlen und Abstimmungen gesichert.

(in: Geschichte des Altertums, Bd. 3, Darmstadt 1954, S. 600 ff.)

2. Friedrich Warncke (1951):

Das gesamte Werk Solons zeigt, dass seine Rechtsordnung nicht nur eine Einheit war, sondern dass sie in ihrer Gesamtheit bewusst von einer leitenden Idee durchdrungen wurde. Alle Gesetze Solons sollten auf das Volkswohl
bezogen und demgemäß interpretiert werden. Dass sie das Ergebnis eines Kompromisses waren, dass Solon die Demokratie nicht in radikaler Weise durchführte, kann an dieser Erkenntnis nichts ändern. Überall lassen sich die demokratischen Grundgedanken der Reformen erkennen. Die Hauptbedeutung seiner Umgestaltung liegt darin, dass er den attischen Staat auf die Grundlage der völligen und unantastbaren persönlichen Freiheit des Individuums stellte.

(F. Warncke, Die demokratische Staatsidee in der Verfassung von Athen, Bonn 1951, S. 53)

3. Tuttu Tarkiainen (1972):

Bei einer kritischen Untersuchung von Solons Werk müssen also vier Punkte seiner "Verfassung", die man zweitausend Jahre hindurch vorbehaltlos als dazugehörig hingenommen hat, in Frage gestellt, unentschieden gelassen
oder geradezu gestrichen werden. Was an sicheren Nachrichten oder auf relativ zuverlässigen Schlussfolgerungen Basierendes übrig bleibt, scheint die Hypothese zu stützen, dass Solon sich überhaupt kaum mit der formalen Struktur der staatlichen Organe befasste, sondern den äußeren Rahmen der aristokratischen Verfassung fast unangetastet ließ. Mit Hilfe anderer Mittel bewirkte er in den politischen Verhältnissen einen derartigen Umsturz, dass er, um mit Aristoteles zu sprechen, "die Oligarchie beseitigte, die allzu extrem gewesen war" (Politik, 1273 b).

Obgleich seine Leistung hoch bedeutend war und - schon nach seinen eigenen Versen zu urteilen - unmittelbar leidenschaftliches Interesse weckte, ging man erst viele Generationen später daran, ein einheitliches Bild und eine Gesamtvorstellung davon zu formen. Hinweise auf Solon und namentlich auf seine politische Tätigkeit sind nämlich vor dem oligarchischen Umsturz 411 sehr selten. Gerade damals fingen offenbar gewisse politische Kreise Athens an, von einer Solonischen "Verfassung der Vorväter", zu sprechen. Man befürwortete die Rückkehr zu ihr wegen ihres antidemokratischen Charakters. Auch nach der Wiederherstellung der demokratischen Ordnung 403 kehrten die Hinweise auf Solon häufig wieder, um im Laufe des 4. Jahrhunderts die Form von Lobpreisungen anzunehmen. Jetzt betonte man allerdings den demokratischen Charakter der Solonischen Verfassung, und Solon selbst wurde als "der Demokratie genehm", "höchst demokratisch gesinnt", "Gesetzgeber der die Demokratie gründete" usw. gestempelt. 

(T. Tarkiainen, Die athenische Demokratie, München 1972, S. 83 f.)

4. Eduard Will (1977):

Das Werk Solons ist im Grunde genommen ein Kompromiss. ... Ich stimme der nahe liegenden Interpretation der Schuldenbefreiung gemäß Aristoteles und Plutarch zu: tatsächlich eine halbe Maßnahme, die weder den radikalsten egalitären Forderungen entgegenkamen, noch die alte attische Bodenverteilung in Frage stellte, sondern die
lediglich das von der Krise heraufgeführte Ungleichgewicht in der Gesellschaft zu korrigieren versuchte, ohne die eigentliche Ursache dieser Krise zu beseitigen. ... Die Schuldenbefreiung half, ein Proletariat freier, aber entwurzelter Menschen zu schaffen und die Klasse der Theten [= Lohnarbeiter] hervorzubringen: ein Proletariat, das neu gegliedert werden musste. Deswegen auch die Maßnahmen zugunsten des Handwerks.

(E. Will, Die ökonomische Entwicklung und die antike Polis, in: H.G. Kippenberg (Hrsg.): Seminar: Die Entstehung der antiken Klassengesellschaft, Frankfurt 1977, S. 101 ff.)

Auftrag:Vergleichen Sie die Wertungen Solons in der modernen Forschung miteinander und versuchen Sie, den jeweiligen Standort des Autors zu charakterisieren.