Demokratie und Sklaverei

Aufträge

1. George Thomson (1955):

Die athenischen Bürger sahen keine Gefahr oder auch nur Benachteiligung in der Sklavenarbeit, solange sie sie direkt oder indirekt ... ausbeuten konnten, und das taten sie ja auch. Im vierten Jahrhundert wurden sie eine Klasse von Rentiers, die von ihrem unverdienten Einkommen lebten und körperliche Arbeit als eine Beschäftigung ansahen, die sich nur für Barbaren und Sklaven zieme. Natürlich waren sie sich dessen nicht bewußt, daß diese Mentalität eine Sklavenhaltermentalität war. Im Gegenteil, sie beriefen sich auf die augenscheinliche Wahrheit, daß es infolge der inferioren Natur des Sklaven in seinem eigenen Interesse lag, als Sklave behandelt zu werden. ... Die athenische Wirtschaft beruhte auf Kleinproduktion, und daher kann die Sklavenarbeit in ihr keine große Rolle gespielt haben. ... In Wirklichkeit waren die griechischen Stadtstaaten, die sich in Übereinstimmung mit den neuen Entwicklungen auf dem Gebiet der Produktivkräfte, vor allem der Eisenverhüttung und der Münzprägung, entwickelt hatten, gerade weil sie auf der Kleinproduktion beruhten, während der Demokratie imstande, die Sklavenarbeit in alle Produktionszweige einzuschmuggeln und dadurch die Illusion zu schaffen, sie sei ein Naturgesetz. Damals hat "sich die Sklaverei der Produktion ernsthaft bemächtigt".

(George Thomson, Die ersten Philosophen, Berlin 1961, S. 168 f.)

2. Moses I. Finley (1973):

In den großen "klassischen" Zeiten, also in Athen und anderen griechischen Stadtstaaten vom 6. Jahrhundert v.Chr. an und in Rom und Italien vom frühen 3. Jahrhundert v.Chr. bis zum 3. Jahrhundert n.Chr., ersetzte die Sklaverei in wirksamer Weise andere Formen abhängiger Arbeit. ... Ein Antrieb für Sklavenbesitz war das Anwachsen der städtischen Produktion, für die die traditionellen Formen abhängiger Arbeit sich nicht eigneten. Auf dem Lande erreichte die Sklaverei beachtliche Durchbrüche überall dort, wo das Helotensystem [= spartanisches Sklavensystem; Sklaven kein persönlicher Besitz, sondern in Besitz des Staates] oder vergleichbare Formen von Arbeitsstatus aus irgendwelchen Gründen nicht in dem Umfang weiterbestanden, der zur Deckung des Bedarfs der Landbesitzenden erforderlich war (was z.B. in Sparta nicht der Fall war). Das heißt, angesichts des fehlenden freien Arbeitsmarktes wurden Sklaven als Arbeitskräfte von außen herangebracht - denn Sklaven kommen in erster Linie von außen -, aber nur, wenn die vorhandenen inländischen Arbeitskräfte nicht mehr ausreichten, wie in Athen nach den Reformen Solons. ... Wenn wir ... uns auf die großen "klassischen" Perioden in Griechenland und Italien konzentrieren, so sehen wir uns den ersten wirklichen Sklavenhaltergesellschaften der Geschichte gegenüber, die umgeben sind von Gesellschaften (oder in sie eingebettet), die auf anderen Formen abhängiger Arbeit basieren. Keineswegs kann man das in klare quantitative Begriffe umsetzen. Zu keiner Zeit kennen wir die Zahlen der Sklaven in Griechenland oder Italien.

(Moses I. Finley, Die antike Wirtschaft, München 1977, S. 73 ff.)

Aufträge:

1. Welchen Stellenwert messen die Verfasser der Sklavenarbeit bei?

2. Welche Gemeinsamkeiten bestehen bei der Beurteilung der Sklaverei?

3. Versuchen Sie, George Thomson ideengeschichtlich einzuordnen. Welche Begriffe sind bei ihm von Bedeutung?

4. Auch in der Neuzeit gab es noch Sklaverei, z.B. in den USA. Welche eklatanten Widersprüchlichkeiten traten zutage, wenn man Anspruch und Wirklichkeit dieses Landes gegenüberstellt?