Sicherungsmaßnahmen der attischen Demokratie

Aufträge

Die bekannteste Sicherungsmaßnahme ist wohl der Ostrakismos, das 488/87 erstmals praktizierte Scherbengericht, - aus der Furcht vor der Tyrannis bzw. deren Wiederkehr entstanden. Bei dieser speziellen Form der Volksabstimmung mußte jeder Teilnehmer den Namen eines Mannes auf ein Tontäfelchen ritzen; der Mann, auf den die meisten Stimmen entfielen, mußte für 10 Jahre außer Landes gehen, behielt aber sein Vermögen und alle seine Rechte und Ehren. Es war also nicht eine Strafe für Fehlverhalten, sondern einzig und allein eine politische Zweckmäßigkeit, die den Mann, den man aus dem politischen Leben der Stadt entfernen wollte, nicht härter als nötig treffen sollte. Was gab es schließlich für einen anderen Weg, da bekanntlich periodisch stattfindende Wahlen, die ja auch "Abwahl" bedeuten können, damals fehlten. Der Sinn des Ostrakismos lag also darin, die jeweils stärkere Richtung und ihre Führer in der Regierung zu festigen; Themistokles und Perikles zum Beispiel konnten so über längere Zeit ihre führende Rolle behaupten. Um den Mißbrauch und damit politische Instabilität zu verhindern, durfte der Ostrakismos nur einmal im Jahr durchgeführt werden und zwar nach ganz bestimmten Regeln. Die Volksversammlung mußte seine Durchführung unter Wahrung einer Frist beantragen; die Abstimmung selbst mußte von den neun Archonten und vom Rat geleitet werden, und mindestens 6000 Bürger mußten daran teilnehmen.

Eine heute seltsam anmutende Einrichtung war das "graphe paranomon", ein Verfahren, bei dem ein Bürger angeklagt und einem Prozeß unterworfen wurde, wenn er einen gesetzwidrigen Vorschlag in der Volksversammlung eingebracht hatte. Seltsam und paradox zugleich ist dieses Verfahren aus heutiger Sicht, da es die Freiheit der Volksversammlung und ihrer einzelnen Mitglieder schützte, indem es ihnen Immunität und Indemnität verweigerte.

Eine weitere Sicherungsmaßnahme war die Dokimasie. Dabei handelte es sich um ein Prüfungsverfahren, bei dem die gesetzliche Qualifikation und die Erfüllung der bürgerlichen und sakralen Pflichten eines Amtsanwärters überprüft wurden. Jeder Beamte, ob gewählt oder gelost, dessen Amtszeit länger als 30 Tage dauerte, mußte sich dieser Prüfung unterziehen. Die prüfende Behörde war für die Ratsherren der alte Rat, für die übrigen Beamten ein Geschworenengericht unter der Leitung eines Thesmotheten; die 9 Archonten wurden als einzige sowohl vom Rat als auch von einem Geschworenengericht überprüft. Den Abgewiesenen traf weiter keine Strafe oder anderer Rechtsnachteil, doch war sein Ansehen war stark lädiert. Mit der Dokimasie wollte man weniger die mangelnde Eignung einer Person als vielmehr deren charakterliche und intellektuelle Mindestvoraussetzung überprüfen. Sie sollte in einer Zeit, als es zu einer Vermassung des öffentlichen Dienstes (unter Kleisthenes) kam, verhindern, daß Personen mit charakterlichen und geistigen Schwächen den öffentlichen Dienst belasteten; man kann sie sogar als eine Attestierung politischer Zuverlässigkeit und Linientreue sehen, denn die isonome, demokratische Gesellschaft brauchte "passende" Bürger, um die Erhaltung der politischen Ordnung zu garantieren.

Die Euthyna (= das Gerademachen), die Rechenschaftsablage der Amtsinhaber Athens nach Ablauf ihrer Amtszeit, war eine weitere Sicherungsmaßnahme. Sie verlief in zwei Stufen. In der ersten und wichtigeren hatte der abgetretene Beamte vor den sogenannten Logisten über die ihm anvertrauten Gelder Rechenschaft abzulegen, was dann von einem Geschworenengericht überprüft wurde. Dabei konnten dann etwaige Klagen von Privatpersonen oder Vertretern des Staates (den sog. "synegoroi") vorgebracht werden. Die zweite Stufe der Rechenschaft war 10 Rechenschaftsbeamten des Rates (= "euthynoi") und deren 20 Helfern anvertraut. Sie betraf die allgemeine Amtsführung und trat nicht automatisch wie die erste, sondern lediglich auf Antrag eines Bürgers, ein.

Zu guter Letzt sei auf eine nicht minder wirkungsvolle und oft genutzte Möglichkeit der Kontrolle verwiesen, die in der Aufforderung an alle Bürger, Unregelmäßigkeiten der Amtsführung zur Anzeige zu bringen, bestand. Dieser Aufruf zur Beschwerdeführung war zusätzlich dadurch fest in den geschäftlichen Ablauf eines Amtsjahres eingebettet worden, daß in der ersten Volksversammlung jeder Prytanie, also zehnmal im Jahr, dem Volk die Frage vorgelegt wurde, ob die Beamten ihr Amt gut verwaltet hätten. Wurde Kritik dabei laut oder ging die Abstimmung gar zu Ungunsten des Beamten aus, wurde dieser sofort seines Amtes enthoben und vor Gericht gestellt.

Aufträge:

1. a) Welche Maßnahmen wurden zur Sicherung der Demokratie in Athen getroffen? b) Gegen wen richteten sie sich?

c) Wer entschied über die Anwendung der Maßnahmen?

2. Erläutere "Ostrakismos", "graphe paranomon" und "Dokimasie" und überlege welche Absichten und politischen Zielsetzungen

dahinterstanden?

3. a) Beschreibe die Überprüfungsmaßnahmen für Beamte in Athen. b) Inwieweit dienten sie der Sicherung der Demokratie?