
Jochen Martin, 1974:
Die Frage nach den Bedingungen und nach der Entstehung der athenischen Demokratie gehört zu den Standardfragen, aber auch den umstrittensten Fragen der Althistoriker. Die methodischen Schwierigkeiten einer Antwort sind beträchtlich. Für die entscheidende Zeit zwischen Kleisthenes und Ephialtes ist unsere quellenmäßige Grundlage äußerst mager. Deshalb hat jede Rekonstruktion der Geschichte dieser Zeit notwendig stark hypothetischen Charakter und erhalten methodische Prämissen der einzelnen Forscher noch größere Bedeutung. ... Ob man die athenische Demokratie mit Solon, Kleisthenes oder mit Ephialtes anfangen läßt, ist nicht nur abhängig von der Erkenntnis der konkreten Maßnahmen dieser Männer, sondern auch davon, was man jeweils für die unabdingbaren Elemente einer Demokratie hält. ... Zunächst kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Beseitigung direkter sozialer Abhängigkeiten eine Grundvoraussetzung jeder Demokratie ist. Insofern bedeuten die kleisthenischen Reformen einen entscheidenden Schritt in der 'Ermöglichung' der athenischen Demokratie. Aber nicht jedes Gemeinwesen, in dem keine direkten sozialen Abhängigkeiten bestehen, ist schon deshalb eine Demokratie. Als weiteres Kriterium bietet sich die politische Organisation an.
Kleisthenes hat die zentralen politischen Institutionen Athens nicht verändert. Der Zugang zum Archontat blieb auf die oberste oder die beiden obersten Gesellschaftsschichten beschränkt, der Areopag behielt seine Funktionen, die in gerichtlicher Tätigkeit, in der Überwachung der Magistrate, d.h. der Herrschaftskontrolle, und wohl auch in einem allgemeinen, wenn auch nicht rechtlich festgelegten Einfluß auf die Politik lagen. Für den Rat der Fünfhundert können wir dagegen keine anderen als die porbouleutischen Funktionen feststellen - ganz abgesehen davon, daß für eine unbezahlte Bouleutentätigkeit [= Ratstätigkeit] auch nur Wohlhabende in Frage kamen. ...
Der beschriebene Tatbestand ändert aber nichts daran, daß die politische Organisation Athen auch nach Kleisthenes zunächst eine oligarchische blieb. Infolge der kleisthenischen Phylenreform erhielt die Verfassung jetzt mehr demokratische Möglichkeiten.
(Jochen Martin, Von Kleisthenes zu Ephialtes. In: Chiron 4 (1974), München 1974, S. 5 ff.)
Aufträge:
1. Auf welches Grundproblem historischer Forschung verweist der Autor?
2. Was sagt er über die Quellenlage zu Kleisthenes?