Das Ideal der klassischen Demokratie

(Aus der Leichenrede ["Epitaphios logos"] des Perikles 431 v.Chr.)

Die Rede ist ein Konstrukt des antiken Historikers Thukydides (460-nach 400 v.Chr.). Leichenreden waren eine öffentliche Lobpreisung der Kriegsgefallenen, in diesem Falle des Peloponnesischen Krieges. Auch wenn Perikles (495/90-429 v.Chr.), der wohl bedeutendste Politiker Athens in der Mitte des 5. Jahrhunderts v.Chr., diese Rede nie gehalten haben soll, gibt nach Auffassung vieler Althistoriker Perikles' Demokratievorstellung wieder.

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Wir leben in einer Staatsform, die die Einrichtungen anderer nicht nachahmt; eher sind wir für etliche ein Vorbild, als daß wir andere uns zum Muster nähmen. Mit Namen wird sie, weil wir uns nicht auf eine Minderheit, sondern auf eine Mehrheit im Volke stützen, Volksherrschaft (Demokratie) genannt. Und es genießen auch alle für ihre eigenen Angelegenheiten vor den Gesetzen gleiches Recht; in der öffentlichen Bewertung jedoch fragt man allein nach dem Ansehen, das sich jemand auf irgendeinem Felde erworben hat, und nicht die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volksteil, sondern allein die persönliche Tüchtigkeit verleiht im öffentlichen Leben einen Vorzug; auch wird bei Armut keiner, der doch dem Volke Gutes zu leisten vermöchte, um der Geringheit seines Standes willen ausgeschlossen. Ein freier Geist herrscht in unserem Staatsleben und wirkt auch im täglichen Leben und Treiben aller gegenseitigen Beargwöhnung entgegen. ... (Wir vermeiden) im öffentlichen Leben schon aus Pflichtgefühl Verstöße gegen Recht und Sitte, der jeweiligen Führung gehorsam wie auch den Gesetzen und unter ihnen zumal denjenigen, die zum Schutz der Verfolgten gegeben sind, sowie den ungeschriebenen, deren Bruch in aller Augen Schande bringt. Auch für mancherlei Erholung des Geistes von allen Anstrengungen ist bei uns gesorgt, teils durch die Pflege von Kampfspielen und Festen während des ganzen Jahres, teils durch schöne, jedem offenstehende Anlagen, deren täglicher Genuß den Mißmut bannt. Zudem kommt bei der Größe unserer Stadt aus allen Teilen der Erde alles herein, und ebenso wie unsere heimischen Güter können wir die Erzeugnisse der ganzen Welt im eigenen Hause genießen.

Auch in der Pflege des Kriegswesens unterscheiden wir uns von unseren Feinden, und zwar in folgendem: Jedermann hat freien Zutritt zu unserer Stadt, und wir denken nicht daran, es einem durch Ausweisungen zu verwehren, sich bei uns über Dinge zu unterrichten oder sie sich anzuschauen, die, nicht geheimgehalten, vielleicht manchem unserer Feinde nützlich werden könnten. Statt auf die üblichen Vorkehrungen und Schliche verlassen wir uns lieber auf die in uns selber ruhende Entschlossenheit zur Tat. Und mögen in der Erziehung des Kindes die da drüben (gemeint ist der Kriegsgegner Sparta) schon durch anstrengende Übungen von zarter Jugend an mannhaften Geist zu erwerben suchen: wir führen ein Leben ohne Zwang und stellen im Ernstfall doch nicht schlechter unseren Mann. ...

Wir lieben das Schöne in Schlichtheit, lieben Wissen und Bildung, aber frei von Weichlichkeit. Reichtum ist bei uns zum Gebrauch in der rechten Weise, aber nicht zum Geprahl mit Worten da. Armut einzugestehen bringt keinem Schande, sondern nicht tätig aus ihr fortzustreben ist schlimmere Schande. In derselben Männer Hand ruht die Sorge für ihre häuslichen wie auch die öffentlichen Angelegenheiten, und selbst wer völlig seiner Arbeit lebt, dem fehlt es doch nicht an Blick für die politischen Dinge. Bei uns allein nämlich heißt einer, der dem (politischen Leben) gänzlich fernsteht, nicht "ungeschäftig", sondern "unnütz", und selber hat unser Volk in den Fragen der Staatsführung mindestens ein Urteil, wo nicht gar fruchtbare eigene Gedanken. Denn wir sehen nicht in einer bedächtigen Vorbesprechung eine Gefahr für die Tat, sondern vielmehr darin, sich nicht vorher in Beratungen zu belehren, ehe man das, was not tut, mit der Tat in Angriff nimmt. ...

Mit einem Wort sage ich: unsere Stadt ist im ganzen die hohe Schule Griechenlands; im einzelnen aber will mir scheinen, daß jeder bei uns sich gleichzeitig auf den verschiedensten Gebieten anmutig und mit vollendeter Sicherheit als ganze, auf sich selbst gestellte Persönlichkeit erweist.

(Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, Buch II, Kap. 37 ff.)

(zit. nach: Geschichte - betrifft uns, 6/88, S. 9)

Aufträge:

1. Stellen Sie die hier geschilderten Vorzüge Athens zusammen.

2. Was wird über die Rechtsordnung Athens ausgesagt?

3. Worin bestehen nach Perikles bürgerliche Pflichten?

4. Wie charakterisiert Perikles seine Mitbürger?

5. Welche Aussagen macht er hinsichtlich Bildung/Erziehung? Trifft dies auch heute noch zu?

6. Informieren Sie sich über Spartas Erziehungsideale.

7. Begründen Sie, warum es sich bei dem hier gezeichneten Bild der attischen Demokratie um eine ideale Vorstellung handelt.