Eva Glees | Elly Rühenbeck | Frau S. | Her H. | Verein an der Synagoge  
   


"Da war doch überhaupt kein Unterschied"
Eva Glees
 

Eine jüdische Studentin an der Universität Bonn


Dr. Eva Glees wurde 1909 als Tochter eines jüdischen Chemikers in Berlin geboren. Sie verbrachte ihre Schulzeit am Städtischen Mädchengymnasium (heute Clara-Schumann-Gymnasium) in Bonn. Hier begann sie 1928 an der Universität ein Studium der Medizin und Zahnmedizin. Ihre Wahl wurde stark von Alfred Kantorowicz, einem jüdischem Professor der Zahnmedizin in Bonn, beeinflußt, in dessen Haus sie als Schulfreundin von Kantorowiczs Tochter Thea ein und aus ging.

Eva Glees

Schon vor 1933 merkte Eva Glees, daß sich die Zeiten änderten. Der Vater einer Schulfreundin war der erste Nazi, den sie kennenlernte. "Er hatte eine untergeordnete Stelle im Finanzamt, war immer unzufrieden und beschwerte sich nur über die Regierung." Er vertrat die Ansicht, daß die Juden an allem Schuld seien. Als sie ihm erklärte, daß sie das nicht glauben könne, da sie doch selbst Jüdin sei, entgegnete er: "Nein, du bist nicht jüdisch. Du kannst ja auf Händen stehen - Juden können doch keinen Sport betreiben." Musikalisch begabt hatte sie den Gymnastikunterricht einer Klasse auf dem Klavier begleitet, bis plötzlich nicht mehr erwünscht war, daß "jüdische Mädchen für arische Mädchen spielen".

Nach den Vorlesungen wurden jetzt Flugblätter verteilt, auf der einen Seite die Nazis, auf der anderen Seite die Kommunisten. Eva Glees war politisch nicht so sehr interessiert und unternahm in ihrer Freizeit lieber etwas mit ihrem Freund Paul Glees, den sie an der Uni kennengelernt hatte. Doch das schöne Studentenleben sollte schon bald ein Ende haben.

Am 1. April 1933 fand sie vor der Zahnklinik zwei SA-Männer, die sie mit der Begründung, daß sie Jüdin sei, nicht einlassen wollten. Eva Glees war völlig vor den Kopf gestoßen. "Woher wußten diese Männer, daß ich Jüdin war? - Aber sie hatten ja recht." Daraufhin ging sie zur Remigiusstraße, in der es damals viele jüdische Läden gab. Bei den meisten dieser Läden waren die Fensterscheiben eingeschlagen, bei anderen klebten Plakate "Kauft nicht bei Juden! Kauft bei Deutschen!". Die jüdischen Inhaber standen in den Türen und sahen mit Entsetzen, Grauen und Angst, was da passierte.


Spruchband: Wer beim Juden kauft ist ein Volksverräter

Draußen hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, allerdings konnte sie keinen entdecken, der gelacht oder geschrien oder Beifall geklatscht hätte. "Das war nur die SA." Am nächsten Morgen stand in der Zeitung, die Volksstimme hätte gezeigt, daß keiner bei Juden kaufen wolle. "Aber dem war nicht so."

Eva Glees über den 1.4.1933 in Bonn - MP3-Datei, 139 KB 

Aber Eva Glees war klar, daß sich vieles geändert hatte. Zum Beispiel wurde ihrem Freund gedroht, er könne kein Examen machen. Da Bonn nicht sehr groß war, wußte jeder, daß er mit einer Jüdin befreundet war. Außerdem - und das war ausschlaggebend - wollte er keiner NS-Organisation beitreten. Bei dieser Drohung blieb es dann aber auch. Er konnte alle Examen machen, ohne jemals "Heil Hitler" zu sagen oder in die Partei einzutreten. Trotzdem war Frau Glees immer sehr vorsichtig, wenn sie ihn am Wochenende in Godesberg besuchte: Sie verkleidete sich als Mann - dazu reichte es damals noch, sich eine Hose anzuziehen, zudem Hut und hochgeschlagener Kragen - und setzte sich in der Godesberger Elektrischen (der Straßenbahn) ganz nach hinten.

Früher war der Vetter ihres Freundes immer mit ihr am Montag morgen zurück gefahren, nach dem 1. April übersah er sie allerdings geflissentlich. In der Zahntechnik erschienen auf einmal der Bruder einer früheren Schulfreundin in SA-Uniform und sein Freund in SS-Uniform. Mit beiden hatte sie viel unternommen und beide hatten ihr im Studium bei den handwerklichen Metallarbeiten geholfen, mit denen sie nicht so gut zurechtkam. Als sie nun mit ihr sprechen wollten, lehnte sie das ab, was die beiden nicht verstehen wollten: "Wir sind doch Freunde seid Kindeszeiten." - "Aber ihr seid jetzt Nazis." - "Ja, aber das hat doch mit dir nichts zu tun." - "Was ist mit den Antisemiten?" Es war zwecklos.

Sehr deprimierend empfand sie auch, wie sich die Professoren verhielten, die sie bisher als "wundervolle, ein bißchen bessere - ethischere - Menschen" hoch geachtet hatte. Nach dem 1.4.1933 tauchten viele mit Hakenkreuzen und NS-Parteiabzeichen auf und brüsteten sich damit, wie lange sie schon in der Partei seien. Alfred Kantorowicz wurde der Zutritt zum Institut nicht mehr erlaubt. Er kam ins Gefängnis in Bonn, später dann ins KZ Buchenwald. Ihm gelang es aber noch, in die Türkei zu emigrieren, so daß er nach dem Krieg nach Bonn zurückkehren konnte. Frau Glees mußte miterleben, wie immer mehr Professoren ihre Vorlesungen mit dem Hitlergruß eröffneten und anstatt zu protestieren, wenn jüdische Kollegen entlassen wurden, froh waren, in deren Positionen nachrücken zu können. Prof. Sobotta bot demjenigen Studenten 100 Mark, der ihm einen Juden mit seinem Namen nennen könne.

Eva Glees im Gespräch mit Jugendlichen

Als die Staatsexamen anstanden, bekam Eva Glees Schwierigkeiten, eine Prüfungsgruppe zu finden, da alle Prüfungskandidaten Angst vor schlechten Noten in einer Gruppe mit einer Jüdin hatten. Ein Professor machte ihr das Angebot, ihr ohne Prüfung die Note 3 zu geben, "da sie damit doch wegen der momentanen Schwierigkeiten sicherlich zufrieden sei". Letztendlich bestand Eva Glees ihre Examen mit der Durchschnittsnote 1. Allerdings bekam sie im November 1933 kein Zeugnis, sondern nur einen vom Dekan der Fakultät unterschriebenen "Wisch Papier", auf dem mit Schreibmaschine geschrieben zu lesen war, die Kandidatin habe ihr Examen mit 1 bestanden, dürfe aber nicht Zahnärztin werden, da sie in Deutschland als Jüdin nicht approbiert werden könne.

Nach bestandenem Staatsexamen begab sie sich trotz der Anfeindungen für die nachfolgende Promotion auf die Suche nach einem Doktorvater - zunächst ohne Erfolg, da kein Professor eine jüdische Doktorandin annehmen wollte. Schließlich erklärte sich Prof. Erich Hoffman, der Mitentdecker des Erregers der Syphillis, dazu bereit. "Er war sehr deutschnational aber auch sehr mutig." Später sollte er entlassen werden, da er in einer Vorlesung geäußert hatte, ein Jude im weißen Kittel sei ihm lieber als ein Nazi im braunen Rock. Trotz der antisemitischen nationalsozialistischen Erlasse und Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung konnte Eva Glees ihre Doktorarbeit beendigen und im Februar 1934 promovieren. Sie bekam jedoch kein Doktor-Diplom, sondern wieder nur ein kleines Stück Papier, nach dem sie zwar die Doktor-Arbeit angefertigt habe, sich aber nicht Doktor nennen dürfe, da sie als Jüdin ja nicht approbiert werden könne.

Im Dezember 1935 emigrierte Eva Glees nach Holland; gemeinsam mit ihrem Verlobten ging sie einige Jahre später nach Oxford. Erst im Jahre 1955 bekam Dr. Eva Glees in England - mit einigen Schwierigkeiten, da sie ja keine Zeugnisse besaß - die Approbation und das Doktor-Diplom. 1990 wurde sie nach Bonn eingelade um ihr goldenes Doktor-Diplom in Empfang zu nehmen.

Eva Glees lebt noch heute in Oxford.

Als ich am 13.12.2000 die Vortragende danach fragte, ob ich aufnehmen dürfe, was sie über ihre Jugend als Jüdin in Bonn erzähle, verstand sie mich zunächst nicht und meinte, da sei gar kein Unterschied gewesen, sie wäre eine ganz normale Deutsche gewesen, und ihre Familie hätte wie viele deutsche Juden das Jüdische für eine Religion wie das Katholische oder das Evangelische gehalten. Erst dann wurde ihr klar, daß ich die Ereignisse nach 1933 meinte, als sie auf einmal keine Deutsche mehr war.
 

Weitere Links:
• Alfred Kantorowicz - Verein an der Synagoge Bonn
Eva Glees am Clara-Schumann-Gymnasium
• Universität Bonn - Frauengeschichte