Musischer Schwerpunkt am EMA Bonn

"Seht ihn - Wie? - als wie ein Lamm!"  Bach, Matthäus-Passion, Eingangschor

"Wir müssen ihre Münder sein."   Lohff, Requiem für einen polnischen Jungen

 

Zu J. S. Bachs Matthäus-Passion

Die Matthäuspassion schildert das Leiden und Sterben von Jesus Christus nach dem Evangelisten Matthäus. Bach komponierte sie für den Karfreitagsgottesdienst 1729 in der Leipziger Thomaskirche. Mendelssohns Wiederentdeckung 1829 ebnete der Passion den Weg in die Konzertsäle. Seither wird sie als Kunstwerk von außerordentlichem Rang und unerschöpflichen Dimensionen geschätzt.

 

Wir können und wollen nicht das geschlossene Kunstwerk zelebrieren, wenn wir nun Auszüge aus Bachs Passion einem Requiem für die Opfer der Shoa voranstellen. Auf den Erzählerbericht verzichten wir ganz und lösen uns damit auch von der liturgischen Funktion. Stattdessen zielt die Auswahl auf betrachtende Partien, vor allem Choräle und die großen Choralbearbeitungen des I. Teils. Im Zentrum des Eingangschors steht - wie bei einem Altarbild van Eycks - das Lamm Gottes als Sinnbild unschuldigen Leidens. Die Choräle legen Bekenntnis ab. Der emotionalen Wirkung von Bachs Musik kann sich kaum ein Hörer entziehen.

 

Zu D. Lohffs Requiem für einen polnischen Jungen

Lohffs Musik will Sprachrohr sein. Während heute in Deutschland über das Wie und das Ob der Erinnerung an die Verbrechen und die Opfer des Nationalsozialismus diskutiert wird, engagiert sich ein Komponist. Das "Requiem für einen polnischen Jungen" zeigt einen Weg, wie Erinnerung möglich ist: Die Opfer kommen selbst zu Wort.

 

Wir hören die Mutter, die zu ihrem Kind spricht, während der Zug nach Auschwitz rollt. Wir hören das Kind, das leben möchte. Wir sehen den langen Zug der Toten und die Trostlosigkeit der Heimkehrenden. Wir werden aufgewühlt von den Worten des Arztes, der bereits 1934 den ns-faschistischen Staat auf dem Weg ins totale Verbrechen sieht und zum Widerstand aufruft.

 

Die Musik verdeckt nichts. Sie stellt sich ganz in den Dienst des Wortes, findet den treffenden Ton, der zum Herzen spricht. Es ist gestische Musik. Der Trauermarsch kann umschlagen in aggressive, bedrohliche Marschelemente. Perkussion kündet von Geschäftigkeit und funktionierender Mordmaschinerie. In Periodik, Takt und Puls herrscht unruhige Gespanntheit.

 

Manchmal ist Platz für Momentaufnahmen schöner Bilder: "Eine Schwalbe, die ihre Heimat fand", "Du darfst nicht träumen, mein Sohn!" Umso schärfer und bitterer wirken die Kontraste. Beschrieben wird ein Land, das fruchtbar und furchtbar ist, wo die Linde, das Symbol der Gemeinschaftsidylle, zum Werkzeug der Henker wird. - Die Musik packt und geht unter die Haut. Zuletzt bleibt nur ein schlichtes Lied, dann schweigen auch die wenigen Instrumente. Die letzten Worte des Kindes vertragen keine Begleitung:

 

"Für das, was wir ertragen, ist jede Sprache stumm."

 

Dem Holocaust, der Ermordung von Millionen Juden, ging deren öffentliche Diskriminierung und Entrechtung voraus. Dass dieses Verbrechen möglich wurde, bedeutet auch ein Versagen aller Sicherungssysteme, auf denen unsere Gesellschaft gründet, der Justiz, der Kirchen, der demokratischen Institutionen, der Solidarität der Bürger. Erinnerung kann den Toten ein Stück ihrer geraubten Würde zurückgeben. Wir brauchen Erinnerung, um im Hinschauen auf Leid und Versagen Kraft zu gewinnen, immer neu für Zivilisation und Humanität einzutreten.

 

Dazu möchten Chor und Orchester des EMA mit der Bekenntnismusik von Bach und Lohff einen Beitrag leisten. Wir laden Sie ein daran teilzunehmen.

Peter Henn

Materialien zum Holocaust und seinen Folgen:
http://www.emabonn.de/his.htm#holo