Eine Theorie der Revolution

Revolutionen sind dann am wahrscheinlichsten, wenn eine anhaltende Periode tatsächlichen wirtschaftlichen und sozialen Wachstums von einer kurzen und schweren Rezession abgelöst wird. Derartige Ereignisse wirken sich auf das Bewusstsein der Menschen in einer bestimmten Gesellschaft aus: während der Wachstumsperiode wird die Erwartung genährt, man sei auch zukünftig in der Lage, seine wachsenden Bedürfnisse zu befriedigen, und während der Rezession, wenn die Realität und diese optimistischen Erwartungen weit auseinander klaffen, greifen Angst und Frustration um sich. Dabei ist der tatsächliche Stand der sozialen und ökonomischen Entwicklung weniger bedeutsam als die Erwartung, des vorangegangene Fortschritt, der nun aufgehalten ist, könne und müsse in der Zukunft fortdauern. Politische Stabilität und Instabilität hängen letztlich von der Bewusstseinslage, von der Stimmung innerhalb einer Gesellschaft ab. Zufriedene oder apathische Menschen, die weder Waren noch Status, noch Macht besitzen, können politisch ruhig sein, und Menschen, denen nichts fehlt, revoltieren. Ebenso und mit größerer Wahrscheinlichkeit - kann der Fall eintreten, dass sich unzufriedene Arme erheben und zufriedene Reiche der Revolution Widerstand leisten. Es ist viel eher die bewusste Unzufriedenheit mit den Verhältnissen als der tatsächliche Mangel an Lebensmitteln, die tatsächliche Ungleichheit und die tatsächliche Unfreiheit, die zur Revolution führt. 
Für die Revolution müssen sich ja Unzufriedene und Enttäuschte zusammenschließen, die sich nach dem Grad der objektiven materiellen Wohlfahrt und nach ihrer sozialen Stellung voneinander unterscheiden. Wenn gebildete Individuen hohen Ranges rebellieren, die Masse der tatsächlich Unterdrückten aber in ihrer Apathie verharrt, können sie höchstens einen Staatsstreich durchführen. Wenn sich andererseits nur die tatsächlich Unterdrückten erheben und auf den geschlossenen Widerstand der Reichen, Hohen und Mächtigen stoßen, wird ihr Aufstand zerschlagen, wie beispielsweise 1525 die Rebellion der Bauern und Wiedertäufer vom deutschen Adel [... ] 
Erst wenn sich die Ketten etwas gelockert haben und abgeworfen werden können, ohne dass man dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Leben verliert, kommen Menschen in eine Lage, in der Empörung möglich ist. Ich sage nur: Empörung, weil die Unzufriedenheit verschwinden kann, noch bevor es zum gewaltsamen Ausbruch kommt. Dass die Unzufriedenheit verschwindet, kann natürliche oder soziale (das impliziert: wirtschaftliche, politische) Ursachen haben. Auf eine Missernte, die den Rückfall zum chronischen Hunger befürchten lässt, kann ein Jahr des natürlichen Überflusses folgen. Wenn sich die Wirtschaft von einer schweren Krise erholt, kann sich der Grad der Empörung verringern. Langsam und ungern erlassene Reformen, wie sie die politische Geschichte Englands zumindest seit der industriellen Revolution kennzeichnen, können wirkungsvoll und beständig den Grad an Frustration verhindern, der zur Revolte fahrt. Der entscheidende Faktor ist die vage oder spezifische Befürchtung, dass das, was über einen langen Zeitraum hinweg gewonnen wurde, schnell verloren gehen könnte.

James C. Davies: Eine Theorie der Revolution, in: Theorien des sozialen Wandels., Köln-Berlin 1970, S.399ff.