M i n d e r h e i t e n :

... Störenfriede., die letzten Nationalisten, konservativ, Folklore, Relikt im Zeitalter der übernationalen Zusammenschlüsse .... Krawalle, Attentate, Sprachenkampf, das gehört doch eigentlich ins 19.Jahrhundert; weg mit föderalistischen Sonderrechten, wir brauchen den funktionierenden Zentralstaat mit Gleichheit aller Bürger.
Also: alle Italiener sprechen Italienisch, alle Briten britisch, alle Schweizer schweizerisch, alle Belgier belgisch-oder was?! Ruhe und Ordnung, Harmonie: Man hat sich der Mehrheit anzupassen! Ordnungswidrige Gruppen werden zivilisiert und assimiliert!

Doch Gleichheit muß auch Pluralität bedeuten können; Konflikte kann man auch als "Grundgegebenheit menschlicher Vergesellschaftung" positiv einschätzen. Nationale/regionale Identitätsfindung muß nicht zwangsläufig zu chauvinistischen Tendenzen führen, sondern kann ein größeres Ganzes - wie Europa- bereichen. Übrigens hat ja auch nicht der Nationalismus der unterdrückten Minderheiten, sondern der Ausschließlichkeitsanspruch der unterdrückenden Mehrheiten Europa ins Unglück gestürzt.
{Übrigens gibt es in dieser Frage seltsame Bündnisse: Grüne + Konservative + Kommunisten + Katholiken stützen meist nationale oder regionale Identitäten; Kapital + Liberale + Sozialisten + Faschisten lehnen diese ab!}

Falls man also die Erhaltung von kleineren Kulturen und Sprachen bejaht, den 67 Sprachgruppen in Europa eine größere schöpferische Kraft zutraut als einer Beton-Wohnsilo-Einheitskultur, dann muß man Strategien suchen, das 'Ökosystem traditionalistische Minderheit' an die Modernität anzupassen und so auf einer anderen Stufe zu erhalten.

Sind die Ladiner (rätoromanische Minderheit in der Schweiz und in Italien) nicht ebenso wertvoll wie die Bären im Trentino und die Walser-Deutschen in Gressoney-La Trinite (italienisches Aostatal) wie die Steinböcke im Gran Paradiso?" (Gustavo BURATTI, Sondrio/Italien 1965, zit.nach: B.WURZER, 1977,S.250)

Am Beispiel der gälischen Minderheit in Irland soll gezeigt werden, welche Faktoren den Rückgang der Sprache bewirken können, welchen Einfluß auf die Wiederbelebung bzw.Erhaltung einer Sprache staatliche Maßnahmen haben können und wie sich die industrielle Entwicklung eines peripheren Raumes auf die Minderheit auswirkt. Die Vergleichsbeispiele aus dem Alpenraum sollen die Rolle des Staates zeigen und klären, welche Bedingungen für das Überleben von Minoritäten geschaffen werden müssen.

1.1. Beispiel Gaeltacht in Irland

Eine der Grurpen, die "nationalistisch" sich wieder zu Wort melden, ist die Sprachfamilie der Kelten, bestehend aus den Bretonen in Basse-Bretagne (Breiz'h) den Kornen in Cornwall (Kernow), den Walisern in Wales (Cymru), den gälischen Schotten im Hochland und auf den Hebriden (Alba), den Bewohnern der Insel Man (Mannin) eben den Iren in Irland (Éire) .

In allen Gebieten sind die Keltischsprachigen inzwischen zur Minderheit geworden, doch viele Englischsprachige oder auch
'Gallo'-Französichsprachige in der östlichen Bretagne fühlen sich noch als Kelten.

Die Kelten, an der westlichen Peripherie Europas und ihrer Staatsnationen lebend, sehen sich als kulturell und sprachlich diskriminiert, als ökonomisch vernachlässigt und ausgebeutet an und verlangen politische Autonomierechte oder sogar die politische Unabhängigkeit. Sie versprechen sich davon die Erhaltumg ihrer kulturellen Identität und eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation, wenn alle Ressourcen und Steuerleistungen nicht mehr unkontrolliert in die Zentrale abfliessen.

Am Beispiel der Republik Irland, die sich vor fast 75 Jahren nach 750 Jahren Beherrschung durch England - die Unabhängigkeit wiedererkämpfen konnte, soll überprüft werden, welche Rolle politische Unabhängigkeit für eine periphere Region spielen kann, eingegrenzt auf den Bereich der Erhaltung von Kultur und Sprache der Minderheit; denn als Erbe der Kolonialzeit war die Mehrheit der irischen Bevölkerung zur Sprache der Engländer übergewechselt. Nur eine Minderheit sprach noch die 'national language', das Irisch-Gälische, in den äußersten Westgebieten der Insel.

Weiterhin soll untersucht werden, welche Faktoren zum Rübkgang der Sprache geführt haben und welchen Einfluß die wirtschaftliche Entwicklung auf die Spracherhaltung hat oder haben kann.

Die im gälischen Kulturnationalismus wurzelnde Sinn Fein-Bewegung hatte die Unabhängigkeit erkämpft. So setzten Bestrebungen einer "Regälisierung" durch den neuen Staat ein, die in den 70-er Jahren wieder verstärkt wurden, um der-neuen Nation auch die sprachlich-kulturelle Unabhängigkeit von England zu veeschaffen.

Da das Restgebiet der irischen Sprache, amtlich GAELTACHT genannt, der wirtschaftlich rückständigste Landesteil war, ist an die Aufgabe der Spracherhaltung die Verpflichtung geknüpft, diese Gebiete ökonomisch zu entwickeln. In der Vergangenheit war aber an einen Modernisierungs-oder Industrialisierungsprozeß stets der Übergang zur englischen Sprache, die Anglisierung, gekoppelt. Die Zukunftsfrage des Gaeltacht und auch anderer peripherer Minoritäten ist es, einen Ausweg aus der alternativen Sackgasse - entweder Industrialisierung und dadurch auch Übernahme der Sprache der Industriewelt oder Verzicht auf Industrialisierung bei Erhalt der bäuerlichen Subsistenzkultur, was Armut und Auswanderung (als Problemlösung) bedeutet mit der Folge, daß die Minderheitskultur ebenfalls verschwindet, zu finden.

Im irischen Fall ist zu fragen, ob trotz einer massiven Förderung durch den Staat, wie sie in diesem Maße wohl keine andere Minorität Europas genießt, keine Chance mehr für das Überleben der ältesten nachantiken Schriftsprache Europas besteht.

1.2. Rückgang der irischen Sprache

Die keltischen Gälen, deren Anwesenheit in Irland seit dem 3.vorchristlichen Jahrhundert in Irland nachzuweisen ist, wurden im 5. Jahrhundert durch St. Patrick christianisiert. Dadurch wurde die Insel der 'saints and scholars' Ausgangspunkt der Christianisierung Mitteleuropas und Überlieferer der antiken Tradition, als der Kontinent in den Wirren der Völkerwanderungszeit versank.

Die gälische Kultur wer bestimmt durch die Clanstruktur, die weder die Bildung von städtischen Siedlungen noch eine starke Zentralmacht zuließ. Die "grüne Insel" wurde Opfer fremder Invasoren: nach den Wikingern kamen ab 1169/71 die Anglonormannen. Die reale Macht der Eindringlinge von der Nachbarinsel beschränkte sich vorerst auf die Ostküste und auf die Burgen und Städte in der östlichen Provinz Leinster.

Erst die Niederlage der nordirischen Clanfürsten in der Schlacht bei Kinsale 1601 leitete den Untergang der gälischen Kultur und Sprache ein. In deren Folge konfiszierten die Ulsterfürsten das Land und verteilten es an protestantische Neusiedler aus England und Schottland. Oliver Cromwell und Wilhelm von Oranien besiegten auch das 'katholische Irland' endgültig. Nahezu das gesamte Land der katholisch gebliebenen Iren wurde enteignet und die irischen Bauern in die unfruchtbareren Westgebiete vertrieben, so daß hier die höchste Bevölkerungsdichte der Insel anzutreffen war.

Die irischen Bauern traf die Niederlage ihrer Führungsschicht doppelt: sie sanken auf das Niveau rechtloser, verelendeter Pächter hinab, ihre - nun schriftlose - Sprache auf die Stufe lokaler Dialekte.

Die Anglisierung der irischen Landbevölkerung im 18.und 19. Jahrhundert wurde aber nicht durch den von den Engländern ausgeübten Außendruck ausgelöst, sondern dadurch,- daß das neu entstehende katholische Bürgertum, Träger des irischen Nationalismus (Daniel O'Connell), keine Renaissance des alten gälischen Irland anstrebte. Das irisch-katholische Bürgertum machte vielmehr das Englische zu seiner eigenen Sprache; es diente sogar als Propagandasprache für den irischen Nationalismus; Ebenso bedeutend wurde, daß die geistige Führungsmacht der Dorfbewohner, die katholische Kirche, sich nicht als irische Nationalkirche verstand, sondern Irland als Bastion zur Wiedergewinnung der englischsprachigen Welt sah. Geführt von angloirischen Bischöfen verkündete sie ihre Botschaft in englischer Sprache.

Ab 1830 wurde in Irland die Volksschulpflicht mit Englisch als Bildungsmedium eingeführt. Der ökonomisch Erfolgreiche bediente sich der englischen Sprache. So verwunden es nicht, wenn irischsprachige Eltern die Parole "Keep Irish from the children" übernahmen, um ihren Kindern einen Ausweg aus der Armut zu ermöglichen.

Da die erste Sprachzählung erst 1851 durchgeführt wu:rde, ist man für die Zeit vor diesem Termin auf Vermutungen angewiesen. Vier Phasen der Verbreitung der englischen Sprache lassen sich unterscheiden:

 1. eine personale Diffusion durch Ansiedlung englischsprachiger Siedler und Beamten (Ulster Plantation, Küstenstädte);
 2. darauf folgend eine Verbreitung von Dublin und den größeren Küstenstädten aus in die kleineren Orte des Binnenlandes und hier besonders in die im 18. Jahrhundert neu entstehende katholische Bürgerschicht;
 3. mit dem Zusammenbruch der irischen Pächter-Subsistenzkultur aufgrund der Umstellung der Landbesitzer in den irischen Midlands auf Viehwirtschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Folge des Preisverfalls des Getreides nach Ende der Napoleonischen Kriege und beschleunigt durch die Auswirkungen der Großen Hungersnot (Great Famine).
 4. breitete sich das Englische radial entlang den neugebauten Eisenbahntrassen nach Westen aus.

Und: Englisch war die Sprache der Problemlösung USA (ca. 40 Millionen US-Bürger sind Nachfahren irischer Emigranten des 19. Jahrhunderts!)

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