
Französische Geschichte
Von einer eigenständigen westfränischen Gesch. kann man erst seit der endgültigen Teilung des Frankenreichs von 888 sprechen. 987 ging die Herrschaft von den westfränkischen Karolingern auf die Kapetinger über. Zwar sicherte Hugo Capet die Erblichkeit der Krone, doch blieb die Macht der Kronvasallen erhalten. 1154-1214 war ganz West-Frankreich in engl. Besitz. Im Verlauf des 13. Jh. entwickelte sich ein starker frz. Einheitsstaat. Nach dem Aussterben der Kapetinger begann die Herrschaft des Hauses Valois (1328-1589). Zur Anerkennung seines Thronfolgerechts begann Eduard III. von England 1338 den Krieg mit F., der mit längeren Unterbrechungen bis 1453 dauerte (Hundertjähriger Krieg). Mit Hilfe der Jungfrau von Orléans gelang es Karl VII., die Engländer aus F. zu verdrängen u. den Nationalstaat zu einen u. zu stärken. Auch aus den Religionskriegen (Hugenottenkriege) des 16. Jh. ging das Königtum gestärkt hervor. 1589 begann die Herrschaft der Bourbonen in F. u. damit der Weg zum Absolutismus. Das Edikt von Nantes (1598) verlieh den Hugenotten beschränkte religiöse Duldung u. staatsbürgerl. Gleichberechtigung. Den beiden Kardinälen Richelieu u. Mazarin gelang es, den absolutist. Staat endgültig aufzurichten, der unter Ludwig XIV. seine volle Macht entfaltete u. F. zeitweise zur ersten Großmacht in Europa machte. Die Verstrickung F.s in den Österreichischen Erbfolgekrieg u. den Siebenjährigen Krieg in Europa u. Amerika brachte das Land finanziell an den Rand des Ruins u. bereitete neben dem Denken der Aufklärung den Boden für die Frz. Revolution 1789. Auf die Erstürmung der Bastille durch Pariser Volksmassen (14.7.1789) folgten Abschaffung aller Feudalrechte, Verkündigung der Menschen- u. Bürgerrechte, Aufhebung der Klöster u. Orden, Einziehen des Kirchengutes, Verstaatlichung der Schulen u. Einführung der Zivilehe. In den Septembermorden (2.-6.9.1792) kam es zum Bruch zw. Girondisten u. radikalen Jakobinern unter G.J. Danton u. M. de Robespierre. Die 1791 gewählte Legislative wurde durch einen Nationalkonvent ersetzt, der am 22.9.1792 die Republik (Erste Republik) ausrief u. den König am 21.1.1793 hinrichten ließ (Ende der Bourbonenherrschaft). Die nun einsetzende sog. Schreckensherrschaft (1792 bis 95) mündete in die Herrschaft des Direktoriums, die durch den Staatsstreich Napoleons (9.11.1799 = 18. Brumaire) beendet wurde. Damit war die Zeit der Frz. Revolution abgeschlossen. - Erstes Kaiserreich: Napoleon I. schuf das neue System der plebiszitären autoritären Herrschaft. Er gab der neuen Gesellschaftsordnung im Code civil (1804) ihre bis heute noch verbindl. Rechtsgrundlage. 1804 beschloß der Senat, F. in ein erbl. Kaisertum umzuwandeln. - Restauration: Endgültige Vertreibung Napoleons I. im Verlauf der Koalitionskriege; Wiederherstellung der monarchist. Tradition in der Charte constitutionelle durch Ludwig XVIII. Die Julirevolution von 1830 zwang Karl X. zur Flucht nach England; Louis-Philippe von Orléans, der »Bürgerkönig«, kam an die Macht. Die Herrschaft des Bürgertums wurde in der Revolution von 1848 gestürzt. Arbeiter u. Kleinbürger als ihre Träger erzwangen in einem schon stark sozialist. Züge aufweisenden Aufstand die Ausrufung der Republik (Zweite Republik). - Zweites Kaiserreich: Das Bürgertum, tief beunruhigt, unterstützte im Dez. 1848 die Wahl des Prinzen Louis Napoleon zum Präs. der Republik, der am 1851 durch einen Staatsstreich die Republik stürzte u. sich in einer Volksabstimmung zum Präs. auf 10 Jahre wählen ließ. Als Napoleon III. bestieg er am 2. Dezember 1852 den Thron. Seine Außenpolitik erstrebte die volle Wiederherstellung der alten frz. Machtposition in Europa u. der Welt. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 kostete ihn den Thron. - Dritte Republik: Die nach dem Sturz des Zweiten Kaiserreichs gegr. Dritte Republik (1870) konnte sich anfangs im Innern nur schwer durchsetzen (1871 Kommuneaufstand in Paris). Außenpolit. war sie durch Bismarcks Gleichgewichtspolitik zunächst isoliert. Im Wettlauf um Kolonialgebiete mit Großbrit. gewann F. 1881 Tunis, 1885 Madagaskar; aber zunehmende Spannungen bestanden mit Großbrit. bes. im Sudan. F. gelang die Annäherung an Rußland u. die Bereinigung des Verhältnisses mit Großbrit. in der ðEntente von 1904. 1911 begann F., Marokko militär. zu besetzen (Marokko-Krise). 1914 stellte sich F. auf die Seite Rußlands u. wurde dadurch in den 1. Weltkrieg hineingezogen.
Nach dem 1. Weltkrieg erhielt das Land Elsaß-Lothringen durch den Versailler Vertrag zurück. Die strikt antidt. Politik scheiterte schließl. im Ruhrkampf (1922/23) u. mußte im Vertrag von Locarno (A. Briand, G. Stresemann) u. mit dem Eintritt Dtld. in den Völkerbund aufgegeben werden. In der Innenpolitik wurden Finanzen u. Währung saniert. Das Anwachsen des Radikalismus hatte eine Krise des Parlamentarismus zur Folge. Erst die bürgerl. Regierung É. Daladiers (1938) brachte eine neue Stabilisierung.
Zweiter Weltkrieg: Der dt. Angriff im Mai 1940 stürzte F. in seine schwerste Krise. Am 22.6. schloß H.-P. Pétain einen Waffenstillstand, der den größten Teil des Landes mit Paris einer dt. Besatzung unterwarf. Im freien Teil bildete Pétain eine autoritäre Regierung, die mit Dtld. kollaborierte. Im Land entstand eine Widerstandsbewegung (Résistance). Am 25.8.1944 zog de Gaulle in Paris ein u. blieb bis Jan. 1946 an der Spitze einer provisor. Regierung. - Die Vierte Republik trat mit der Verfassung 1946 ins Leben. Indochina mußte nach schweren Kämpfen 1954 aufgegeben werden; 1956 lösten sich Marokko u. Tunis los. 1957 war F. an der Gründung der EWG beteiligt. - Fünfte Republik: Aufgrund der 1958 in Kraft getretenen Verfassung trat de Gaulle 1959 das Amt des Präs. an. Algerien wurde 1962 selbst. 1963 wurde der Vertrag über die dt.-frz. Zusammenarbeit unterzeichnet.
1966 zog sich F. aus der militär. Organisation der NATO zurück. 1968 kam es zu schweren Studentenunruhen. Nach dem Rücktritt de Gaulles wurde 1969 G. Pompidou Staats-Präs. Ihm folgte 1974 V. Giscard d'Estaing, der 1981 von dem Sozialisten F. Mitterrand abgelöst wurde, dessen Politik auf eine Einigung Europas im Rahmen der EU hinzielt.