1. Edmund Burke, Betrachtungen über die Französische Revolution.

"Die Geschichte wird es aufbewahren, dass am (frühen] Morgen des 6. Oktober 1789 der König und die Königin von Frankreich nach einem Tage voll Verwirrung, Schrecken, Gräuel und Blutvergießen sich niedergelegt hatten. . . . Aus diesem Schlaf schreckte die Königin die Stimme des Wächters an ihrer Tür auf, der ihr zuschrie, dass sie sich retten sollte -, dass dies der letzte Dienst wäre, den er ihr leisten könnte -, dass er einen Tod vor Augen sähe, dass er jetzt unterläge. Augenblicklich ward er dar niedergehauen. Ein Rotte heilloser Räuber und Mörder brach triefend von Blut in das Zimmer der Königin ein und durchstach mit hundert Bajonetten und Dolchen das Bett, von welchem die verfolgte Frau nur so eben geflohen war, um auf Wegen, welche die Kannibalenhorde nicht kannte, ihre letzte Zuflucht zu den Füßen eines Königs und eines Gemahls zu nehmen, der sein eigenes Leben nicht einen Augenblick in Sicherheit sah.

Nachdem dieses vollbracht war, zwangen sie diesen König und diese Königin und ihre zarten Kinder, das Heiligtum des glänzendsten Palastes der Welt, schwimmend in Blut, besudelt durch Mörderfußstapfen, mit zerstückelten Gliedern und verstümmelten Leichnamen besät, zu verlassen. Von hier führte man sie in die Hauptstadt ihres Reichs. Zwei junge Edelleute von den besten Familien waren ausgesondert worden, als das Mordschwert ohne Veranlassung, ohne Widerstand und ohne Ansehen unter den braven, treuen, schuldlosen Leibgarden des Königs gewütet hatte. Diese beiden unglücklichen Jünglinge wurden mit allem Pomp einer gerichtlichen Exekution öffentlich zum Block geschleppt und im großen Schlachthofe barbarisch enthauptet. Ihre Köpfe, auf Spieße gesteckt, eröffneten den Zug, und die königlichen Gefangenen, die ihnen folgten, wurden langsam dahergezogen, mitten unter dem schmetternden Gejauchze und dem geilenden Zetergeschrei und den scheußlichen Tänzen und den niedrigsten Schmähworten und den wütendsten Verwünschungen höllischer Furien, die die lügenhafte Gestalt der verworfensten Weiber angenommen hatten. Nachdem sie so auf der langsamen Folter einer Reise von drei Meilen ... alle Qualen des nahen Todes ... geschmeckt hatten, wurden sie unter einer Leibwache von denselben Soldaten, welche die Anführer dieses unglaublichen Triumphs gewesen waren, in eines der alten Schlösser von Paris eingesperrt, das nunmehr in eine "Bastille" für Könige verwandelt worden war."

(Edmund Burke [1727-1797], englischer Politiker, langjähriges Unterhausmitglied der Whigs/Liberalen. Nach 1789 befürwortete er den Krieg gegen das revolutionäre Frankreich. Sein Hauptwerk "Betrachtungen über die französische Revolution", erschienen 1790 in London, hält fest an den Idealen eines traditionsgebundenen Staates, in Anlehnung an die kontinuierliche Entwicklung des englischen Verfassungslebens gegenüber revolutionären Tendenzen)

aus: (Edmund Burke, Betrachtungen über die französische Revolution, Ausgabe Suhrkamp, 1967, S. 125)

2. Thomas Paine, Rechte der Menschen ...

"Ich will aber nun eingehen auf die Ereignisse, die sich in Versailles in der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober abgespielt haben, die Herr Burke beschreibt.

In Paris herrschte eine ungeheure Erregung, weil der König zögerte, die Menschenrechtserklärung und die Dekrete vom 4. August zu unterzeichnen. Die Feinde der Revolution machten sich große Hoffnungen, dass der König nicht unterschrieb. Die Freunde der Revolution aber waren voller Sorge. In der Zwischenzeit gaben die Leibgarde und einige Leute des Hofes einen Empfang für die neu angekommenen Regimenter des Königs. Während des Gastmahls rissen die Gardisten die Nationalkokarde (Zeichen, dass sie im Dienste der Nation stehen) von ihren Hüten, zertraten sie mit den Füßen und hefteten die Kokarde der Königin an ihren Hut. Eine solche Beleidigung ist gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung. Wenn man eine Herausforderung ausspricht, muß man auch an die Konsequenzen denken.

Doch davon spricht Burke nicht."

(Thomas Paine [1737-1809], Politiker und Publizist. Seine Flugschrift "Common Sense" vom 10. Januar 1776 (Auflage 500.000) verhalf dem Gedanken von der Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien bei der Bevölkerung zum Durchbruch. Paine geht nach Ausbruch der französischen Revolution nach Frankreich, wird französischer Staatsbürger und Abgeordneter des Konvent (1793). Seine Schrift "Die Rechte des Menschen" (1791) gilt als Rechtfertigung der französischen Revolution auf die Angriffe Burkes)