Jüdisches Leben im Spiegel religiöser Feste

Projekttage in Jahrgangsstufe 11

(Anmerkung der Redaktion: Das nachfolgend von Herrn Meigen beschriebene Projekt wurde im Rahmen einer Projektwoche der Jgst. 11 durchgeführt, die vom 27. bis 31. 1. 1997 stattfand. Angeboten wurden weiterhin neben einer Skifreizeit Betriebsbesichtigungen, Museumsbesuche und ein Kunstprojekt.)

Die Idee zu diesen Projekttagen entstand nach Abschluß eines Projekts "Aspekte des Islam", das im 1. Halbjahr der Jahrgangsstufe 11 in den beiden evangelischen Religionskursen stattfand. Im Rückblick äußerten die Schüler durchweg positive Kritik; allerdings wurde bemängelt, daß der Zeitrahmen (einmal wöchentlich 90 Minuten) kontinuierliches Arbeiten erschwerte. Da im Unterricht an verschiedenen Stellen Verweise in Richtung auf jüdische Interpretationen der jeweils behandelten religiösen Phänomene gegeben wurden, lag eine Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur und Gedankenwelt nahe. Auf der Suche nach einem zeitlich und organisatorisch einigermaßen handhabbaren Themenkreis wurde man bei jüdischen Festen fündig. Eine erste Interessentenliste zeigte, daß auch einige katholische Schülerinnen und Schüler sich vorstellen konnten, unter dieser Themenstellung dreieinhalb Tage zu entdecken und zu arbeiten. Insgesamt fanden sich 18 Teilnehmer, die dann in mehreren Runden den inhaltlichen Rahmen und die zeitliche Aufteilung der Arbeit enger absteckten.

Einigkeit wurde rasch darüber erzielt, daß das Thema nicht noch weiter eingeengt werden sollte. Dem bei einer solchen Vorgehensweise offensichtlichen Vorteil der größeren Konturenschärfe der Projekttage stand nach Ansicht der Schüler der deutlich schwerwiegendere Nachteil der eingeschränkten Entdeckungs- und Handlungsmöglichkeiten gegenüber. Klar war man sich auch bald, daß ein Zugang nur von "außen" an jüdische Kultur der Gruppe wichtige Einsichten vorenthalten würde. Nach verschiedenen Versuchen, mit jüdischen Mitbürgern in Kontakt zu treten, gelang es schließlich, für den vorletzten Tag des Projekts Frau T. für eine Diskussion mit der Projektgruppe zu gewinnen.

Wichtig schien auch, Informationen über jüdisches Leben in Bonn oder im näheren Umkreis zu erhalten. Da die Schoah nicht im Mittelpunkt der Arbeit stand, war das Spektrum der Möglichkeiten schnell eingegrenzt. Die Gedenkstätte "Landjuden an der Sieg" in Rosbach bietet die Möglichkeit, eine oft vernachlässigte Kulturform jüdischer Existenz kennenzulernen. Zur Entscheidung für den Besuch dieser Gedenkstätte trug bei, daß es sich hier nicht um ein klassisches Museumskonzept mit zusammengetragenen Quellen, ausgestellt in einem "neutralen" Gebäude handelt, sondern um die ehemalige Wohn- und Arbeitsstätte einer Landjudenfamilie, deren Schicksal den Leitfaden für die ausgestellten Objekte und Dokumente bietet.

Für die Erarbeitung des Themenbereichs stand eine Vielzahl von Materialien zur Verfügung, um auch die Handlungsmöglichkeiten der Schüler möglichst breit zu gestalten. Neben Realien zum Schabbat (Besamim-Büchsen, Hawdala-Kerzen, Menorot, Weinbecher) konnten die Schüler einen Handapparat aus Fachbüchern und Ausstellungskatalogen nutzen, ergänzt durch Kopien von ansonsten schwer zugänglichen Materialien aus der Kölner Germania Judaica, durch Tonträger und Noten, Bildbände sowie Videokassetten. Das Interesse der Teilnehmer, noch unbekannte Aspekte jüdischen Lebens zu entdecken, zeigte sich u. a. daran, daß trotz des durch die Realien besonders "verlockend" gestalteten Einstiegs der im Religionsunterricht häufig thematisierte Bereich Schabbat von keiner Untergruppe aufgegriffen wurde. Nach einer ersten Sichtung des Materials fanden sich Arbeitsgruppen zu den Bereichen Pessach; Rosch Ha-Schana/Jom Kippur; Purim; rituelle Gegenstände (Tefillin, Tallit, Mesusa) und Besonderheiten der jüdischen Küche. So vielfältig wie die Interessenlage waren auch die gewählten Zugänge, vom klassischen Text-Bild-Bezug der Pessach- und Rosch Ha-Schana/Jom Kippur-Gruppen bis zur Gestaltung eines Kartons zur Purim, der eine selbstgeformte und bemalte Maske, Noten, Erläuterungen sowie Verweise auf das Esther-Buch zu einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema vereinte.

Auffällig war das disziplinierte Verhalten der Projektgruppe im Umgang mit den Medien. Von der oft thematisierten "Konsumhaltung" bei der Erschließung von Sachverhalten war nicht viel zu spüren. So benutzte z. B. die Pessach-Gruppe das Video als Abrundung ihrer schon fast vollständig erarbeiteten Darstellung und nicht, wie man hätte vermuten können, als bequeme Grundlage. Über die zur Verfügung gestellten Materialien hinaus erschlossen sich die Schüler relevante Internet-Seiten, filterten stark und übernahmen letztlich nur einen Beitrag einer orthodoxen amerikanischen Glaubensrichtung, der das konkrete Ringen um eine Umsetzung der Tora für das Leben im modernen Amerika verdeutlichte.

Schon früh entschlossen sich die Schüler, auf ein konkretes Ziel hinzuarbeiten. Als Minimalergebnis sollten die Ergebnisse jeder Untergruppe in einer Dokumentation zusammengefaßt und so den jeweils anderen Untergruppen zur Kenntnis gebracht werden. Aus diesem Anlaß entwickelte sich rasch die Vorstellung eines "Readers", der auch die beim Besuch der Gedenkstätte und im Interview mit Frau T. gemachten Erfahrungen festhalten sollte. Die Umsetzung des Arbeitsergebnisses der Purim-Gruppe erwies sich allerdings als schwierig, denn selbst ein gut umgesetzter Versuch, die Maske als Foto in den Reader aufzunehmen, konnte dem Gesamteindruck des Kartons nicht gerecht werden.

Der Besuch der Gedenkstätte "Landjuden an der Sieg" bot die Gelegenheit, erste Deutungen von Symbolen und Zusammenhängen an Beispielen konkreter Verwendungssituationen zu überprüfen und entsprechend zu korrigieren bzw. zu festigen. Vieles, was vorher trotz vielseitiger Auswahl der Materialien noch "Buchwissen" war, fügte sich im Bezug auf das Leben der Familie Seligmann, deren Haus den Kern der Gedenkstätte bildet, zu einem lebendigeren und geschlosseneren Bild zusammen; mit dem Nachvollziehen der Geschichte der Familie durch die Zeit des Dritten Reiches hindurch trat zur kognitiven Erfassung eine emotionale Beziehung.

Dies wurde nach einer zweiten Phase der Erarbeitung in der Schule verstärkt durch das Interview mit Frau T.. Geduldig erklärte sie ihre persönliche Situation, aus der heraus sie jüdisches Leben in Israel wie in Deutschland beschreiben konnte. Die in der Erarbeitung und beim Gedenkstättenbesuch gemachten Erfahrungen wurden für die Schüler durch das Gespräch nuancierter, wurden im Hinblick auf Kulturkreise bzw. Zugehörigkeit zur Lebenswelt bestimmter Gruppen des Judentums relativiert oder in ihrer Wichtigkeit hervorgehoben. Fremdheit, so mein Eindruck, wurde weitgehend abgebaut; dort, wo sie blieb, konnte sie nachvollziehbar an einzelnen Phänomenen und deren Deutungen festgemacht werden.

Trotz des sehr gedrängten Zeitrahmens - wiederholt wünschten sich die Schüler mehr zeitlichen Freiraum für ihre Arbeit - konnten die Ergebnisse der Untergruppen kurz nach Ablauf der eigentlichen Projektphase zusammengetragen werden. Bei der Besprechung der Formatierung der Beiträge für den Reader wurde überlegt, ob aus Teilen der Erarbeitung eine kleine Ausstellung aufgebaut werden könnte. Die Umsetzung dieser Idee gestaltete sich jedoch schwierig, da die Projektgruppe in dieser Zusammensetzung durch die zwischenzeitlich erfolgte Neuverteilung der Schüler der Jahrgangsstufe auf die verschiedenen Grund- und Leistungskurse nie mehr geschlossen ansprechbar war. Dennoch fanden sich genügend Freiwillige, die die drei Ausstellungswände gestalteten. Der Elan der Gruppe hielt sich über ein ganzes Halbjahr hinweg, bis schließlich kurz vor Beginn der Sommerferien auch dieser spät konzipierte Teil der Projekttage umgesetzt war.

Formal ist das Projekt abgeschlossen. Von Zeit zu Zeit begegne ich aber immer noch Schülern, in denen das Erarbeitete "weitergärt", werde ich auf Sachverhalte und Deutungen angesprochen, die sich aus zeitlicher Distanz in neuen Facetten darstellen. So ist zumindest für diese Projekttage die Überlegung der Theoretiker, daß Projektarbeit nicht isoliert bleiben muß, sondern für den Schulalltag nachwirken kann, bestätigt worden.

Johannes Meigen, Stud.-Ref.